Blogdetails

Charisma gewinnt. Oder: wer das glaubt, ist nicht ganz dicht!

14.05.2013, 22:51 | Vermischtes | 0 Kommentar(e)

Wenn ich so zurückdenke an die Zeit, wo ich in meinem Soziologieunterricht das Wissen vom restringierten und vom elaborierten Sprachcode weitergeben durfte .... Diese Codes basieren auf höchst seriösen Forschungsergebnissen, was sonst, und wurden unterschiedlichen sozialen Schichten zugeordnet. Ganz nach dem Motto: Die feinen Unterschiede.

Fraglich, ob das Wissen um Sprachcodes bei der ein oder anderen von mir unterrichteten Logopädin oder Krankenschwester hängen geblieben ist, gleichsam nachhaltig war. Fraglich auch, ob es ihnen im Leben weitergeholfen hat. Mir ist es jedenfalls unvergessen geblieben und immerhin diesen Beitrag wert.

"Gleichsam" verwende ich in Erinnerung an einen, der dieses Wort gerne im Munde führte, nämlich, den einzig charismatischen Soziologieprofessor in meinem Studium. Der hätte als Schauspieler wohl ebensogut Karriere machen können: Typ "distinguierter Herr" im besten Alter. Seine leuchtend blauen Augen funkelten während seinen Vorlesungen begeistert und er lächelte sehr oft, wie in eine imaginäre Kamera. In diesen Blicken durften wir uns also sonnen, gleichsam vom strahlenden Lächeln profitieren.
Kurz: Wir Studenten konnten uns gar nicht glücklich genug schätzen, von einer solchen Koryphäe mit Starqualitäten unterrichtet zu werden. Er war nie um elaborierte Worte verlegen, formulierte sie mit Bedacht, liess sie sich gleichsam auf der Zunge zergehen. Weil mich das über die Massen beeindruckt hat, konnte ich nicht umhin, gleich mehrere Seminare zur objektiven Hermeneutik bei diesem Vertreter der oberen Mittelschicht (mindestens, wenn man Habitus und Wortwahl zugleich in die Waagschale wirft) zu besuchen. Wir haben uns in erlauchtem Kreise hingebungsvoll mit Textanalysen beschäftigt. Diese zogen sich über mehrere Semester hin, denn es gab ja immer neue Interviewtexte und Fälle, die natürlich nicht nur elaborierte, sondern auch restringierte Codes beinhalteten. Genau das war das Interessante: auf den biografischen Hintergrund und die lebensgeschichtliche Entwicklung der Fälle zu schliessen. Ja, das war gleichsam sehr eindrücklich, denn ich habe dazu eine Diplomarbeit verfasst und es bis heute nicht vergessen, schaue bei jeglicher Art von Text genau hin und erforsche ganz nebenbei noch immer den latenten (verborgenen) Sinn. Das ganze Textstudium hat sich für mich gelohnt. Gleichsam.

Einer von uns hat es dank Textanalysen sogar in die Kriminalistik geschafft, als Profiler. Der brachte die Kühnheit unserer vielfältigen Lesarten einmal so auf den Punkt: Wer das alles glaubt .... ist nicht ganz dicht!
Damit hat er haargenau erfasst, was die Auslegungskunst erfordert: Offen zu sein für alles Mögliche.

Die persönliche Ausstrahlung der Menschen, die uns Wissen vermitteln, schafft die Grundlage dafür.
In den Worten von Lord Chesterfield: "Sie müssen gefallen, wenn Sie überzeugen wollen."

Kurz: Charisma gewinnt.

 

 

 

 




Kommentar(e)

Bis jetzt wurde noch kein Kommentar geschrieben ...


Hinterlassen Sie einen Kommentar

Kommentartitel:
Ihr Name:
Ihre E-Mail-Adresse:
Ihre Bewertung:
Kommentar:
-- Missing Languagestring - module:CGFeedback string:prompt_captcha_info--:
This is a captcha-picture. It is used to prevent mass-access by robots. (see: www.captcha.net)